konzerterzählungen

Bei den Konzerten seid ihr ja dabei, beim Drumherum aber nicht. Deswegen kriegt ihr das hier.

22.02.2020 – Dirty Dancing Osnabrück | Konzert #4

Soundtrack: Tocotronic – Vier Geschichten von dir

“Der gute Tobi”

Es ist “Ossensamstag” in Osnabrück. Das bedeutet – für Leute, die es nicht wissen – Karneval. Bei der Planung des Konzerts haben wir das leider auch nicht gewusst.

Mittags kommt Maurice am Hauptbahnhof an, Thore holt ihn ab. Aufregung und Wiedersehensfreude sind in ihrem Ausmaß den zwölf Tagen seit des letzten Sehens eigentlich nicht angemessen. Wir laufen durch die Stadt und sind schnell geängstigt wegen der kostümierten Meute, die bereits um 14 Uhr betrunken die Fußgängerzone dominiert. Man sagte uns zwar, dass ein Konzert an Ossensamstag schwierig werden könnte, so schlimm haben wir es uns aber auch nicht vorgestellt.

Nach dem Konzert soll eine DJ-Veranstaltung mit uns stattfinden, bei der wir im selben Laden noch Punkmusik auflegen sollen.
Wir suchen Cds raus, die wir auflegen wollen, proben noch unsere Lieder und machen Instastories. Irgendwann müssen wir dann los.

Es sind von Thores Wohnung zum Dirty Dancing weniger als fünf Minuten Fußweg, aber es regnet stark. Die Cds zum Auflegen transportieren wir in einer großen Plastikkiste durch den Regen, die Gitarren in Stofftasche und Koffer. Als wir am Dirty Dancing ankommen wird uns die Bedeutung und das Ausmaß von Ossensamstag schmerzlichst noch viel klarer. Wir kommen quasi nicht in die Kneipe, weil es zu voll ist. Auf der Bühne, auf der wir in etwa einer Stunde spielen sollen, steht ein 70 jähriger DJ, der Schlager und Rock spielt. Alle im Raum sind stark alkoholisiert (Euphemismus). Neben dem Kneipenraum des Dirty Dancings gibt es einen Saal, in dem größere Konzerte stattfinden. Der wird zum Glück heute nicht genutzt und wir versuchen mit den Cds und den Gitarren irgendwie durch die Masse betrunkener Idiot*innen erstmal dort hinzukommen, um die Sachen abzustellen und zu trocknen.
Wir haben nun auch die kleinste verbliebene Restlust auf das Konzert verloren.

Ohne die Sachen drängeln wir uns wieder zurück aus dem Laden, raus auf die Straße. Dann kaufen wir Zigaretten, rauchen und entscheiden, das Konzert wohl besser nicht zu spielen. Und Punkmusik werden wir erst recht nicht auflegen. Dann vergeht viel Zeit damit, dass wir missmutig und unsicher im Saal abhängen.
Tobi hat unsere Homepage gemacht und angekündigt, dass er mit ein paar Freunden zum Konzert kommen würde. Tatsächlich sitzt er mit besagten Freunden (alle vom Die Partei Stammtisch Osnabrück) im hinteren Bereich der Kneipe und sie warten auf den Beginn des Konzerts.
Also laden wir sie zu uns in den Saal ein, schließen die Tür und spielen ohne Verstärkung ein Konzert für die sieben Leute, die tatsächlich wegen des Konzerts da sind und nicht wegen Karneval.
Und dann wird es doch auch tatsächlich noch ziemlich nett.
Erstes Lied im Set: Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst von Tocotronic.

Wir sitzen auf zwei Hockern, das Publikum im Halbkreis in Sesseln vor uns. Zwischen den Liedern reden wir viel mit den Leuten. Gelegentlich kommen versehentlich Menschen vom Feiern in den Saal und schauen irritiert. Es muss für Unwissende wohl irgendwie wie ein therapeutischer Sitzkreis aussehen. Wir spielen lange und gerne.
Nach dem Konzert unterhalten wir uns noch in der Runde und verkaufen einige Demos. Da das Verlegen des Konzerts in diesen kleinerern Rahmen nun schon so gut geklappt hat, machen wir das mit dem DJ-Set einfach auch. Mit den Cds geht nicht, weil vorne noch der DJ weiter auflegt, also schließen wir ein Handy im Saal an die Anlage und hören mit dem Partei Stammtisch Musik, tanzen und trinken. Zwischendurch stoßen auch Karnevalisten zu uns, die bleiben aber alle jeweils nicht lange dabei.
Irgendwann fliegen Stühle, Menschen und Bierflaschen durch den Raum.

Eine der Zuschauerinnen, leider ihren Namen vergessen, schaltet das Tocotronic Lied “Vier Geschichten von dir” weg, woraufhin ein kleiner Disput zwischen ihr und Thore entsteht, der damit endet, dass sie wütend den Raum verlässt. Zwei Minuten später betritt sie wütend den Raum wieder und wirft uns die vorher gekaufte Demo CD wieder hin mit den Worten “könnt ihr behalten”, was gut für uns ist, so können wir für die gleiche CD nochmal Geld bekommen.

Die Veranstaltung bei uns im Saal dauert wesentlich länger als die Karnevalveranstaltung nebenan und unser Raum sieht auch wesentlich stärker nach Party aus als nebenan. Es wurde also vermutlich das beste aus dem Abend gemacht.

Am nächsten Abend müssen wir zum Putzen des Saals wieder ins Dirty Dancing. Sowas hat einem auch wieder keiner gesagt, als man eine Band gründen und auf Tour gehen wollte.

10.02.2020 – Goldene Krone Darmstadt | Konzert #3

Soundtrack: Swiss & Die Andern + Axel Kurth – 10 Kleine Punkah

“Nevermind the Reisen trotz Corona, here’s the Reisen trotz Sabine”
Sebastian kommt die Treppe runter ins Wohnzimmer, weil man sich gestern zum gemeinsamen Frühstück um 9.30 Uhr verabredet hat. Er beginnt auf der Treppe schon mit uns zu sprechen, lässt Alexa stressige Gute-Laune-Morgenmenschen-Musik abspielen und wir werden davon wach, tun aber so, als würden wir noch schlafen.
Das Frühstücken langweilt. Am Tisch wird sich hauptsächlich über Erwachsenensachen unterhalten und wir beenden das Frühstück unsererseits vorzeitig, um rauchen zu gehen. Auf dem Balkon herrscht schon wesentlich bessere Stimmung als am Frühstückstisch.

Sebastian fährt Feli und uns dann nach Unna, dem nächstgrößeren Bahnhof, da von hier tendenziell mehr Züge fahren als von Fröndenberg. Heute ist der spürbarste Tag von Sabine. Sebastian lässt und raus und fährt. Als wir dann auf die Anzeigetafeln am Bahnhof schauen, wird schnell klar, dass wenn überhaupt Züge fahren, dann nicht zu den geplanten und angezeigten Uhrzeiten.

Pünktlich um 11.30 Uhr schließt der Informationsschalter der Bahn mit der Information, dass heute sowieso nichts vorhersehbar sei.
Wir haben die Info, dass wir aufgrund von Sabine trotz Sparpreis nicht mehr zuggebunden fahren müssen, was uns eine kleine Chance lässt, heute noch in Darmstadt ankommen zu können. Es sieht allerdings schon nach den ersten nichtfahrenden Zügen schlecht aus. Feli muss nach Hamburg und auch ihre Züge fahren nicht. Wir trinken mit ihr beim Bäcker am Bahnhof einen Kaffee und sie lästert über die “ätzende” Stimme der Bäckereiverkäuferin.
Feli kann irgendwann kurz darauf in einen Zug steigen. Wir überlegen zwischen den Möglichkeiten rum. Die Ideen gehen von “Sebastian anrufen, der soll uns wieder abholen und wir pennen da noch einen Tag einfach” über “wir fahren mit einem Bus nach Dortmund Flughafen, dann mal schauen” bis “anstatt wie geplant über Köln, fahren wir über Kassel, dann sind wir schonmal in Hessen.”

Alle fünf Minuten aktualisieren wir die DB App, ohne irgendwelche nützlichen Informationen zu bekommen. Also steigen wir in den nächsten Zug der fährt. Im Zug überlegen wir weiter, welche Strecke wir jetzt vorzugsweise nehmen sollten. So geht es hin und her. In NRW fahren nun angeblich gar keine Züge mehr, wir sind aber noch in NRW und in einem fahrenden Zug. Es fahren in NRW keine DB-Züge mehr. Wir steigen in Narnia aus. Warum ist uns auch nicht so richtig klar, aber wir wollen auch etwas essen.
Neben dem Bahnhof ist ein Einkaufszentrum. Es gibt einen McDonalds, Rossmann, Deichmann und einen Supermarkt. Wir entscheiden uns für den Supermarkt, schlendern so durch ihn und kaufen Energygetränke. Es regnet stark. An der Kasse werden wir durch das laute Geräusch des auf das Dach prasselnden Regens von einer Frau mit den Worten “es regnet, ihr kommt eh nicht weiter” angesprochen. Ein neuer Insider. Als hätten wir den noch nötig, aber zum Lachen reicht es erstmal. Da wir ja nun gar nichts zum Essen gekauft haben, essen wir vor dem Supermarkt am Imbisswagen Pommes. Anschließend gehen wir in dem EKZ auf die Toilette und zurück zum Bahnhof, auch wenn wir nicht genau wissen, wohin wir müssen oder wollen. Darmstadt wirkt von hier noch weiter entfernt als vorher. Plötzlich fährt ein RE nach Düsseldorf ein. Das klingt doch irgendwie schonmal etwas nach Richtung Köln, also steigen wir ein und fahren erstmal mit.
Sogar im Doppelstockzug ist Sabine spürbar. Der Zug wackelt stellenweise stark. Wir fühlen uns aber trotzdem einigermaßen gut aufgehoben, da wir nun schonmal grob in die Richtung fahren, in die unsere ursprünglich gebuchte Verbindung auch fahren sollte.
Unsere Begleitung auf dieser Tour ist ein Collegeblock, der von Maurice im Zug mit Energydrink vollgespuckt wird. Es wird entschieden, dass das bisher der beste Tourmoment war, weil wir auch einfach keine anspruchsvolle Band sind.

Der RE hält in Dortmund. Wir sind also nach fast drei Stunden Reisezeit ungefähr 30 Kilometer von unserem Ausgangspunkt entfernt. In Dortmund kann man in einen ICE nach München umsteigen, der in Frankfurt Flughafen halten würde. Nach kurzem Überlegen, Diskutieren und Zögern, steigen wir spontan um. Von Frankfurt Flughafen fahren Busse nach Darmstadt, es sollte also alles klappen. Bis kurz vor Köln fühlen wir uns sicher. Wir schauen wieder Family Guy. Kurz vor Köln kommt die Durchsage, dass Fahrgäste mit dem Ziel Frankfurt Flughafen in Köln bitte aussteigen sollen. Es würde dann ab Köln einen Sonderzug dorthin geben, um diesen Zug zu entlasten. Wieder Unsicherheit. Da Maurice allerdings seine Kopfhörer gestern bei Anna in Köln vergessen hat, könnte sie die ja vielleicht eben zum Hbf bringen während wir auf den Sonderzug warten. Also steigen wir aus und rufen Anna an. Anna ist so lieb und fährt in den 40 Minuten Umstiegszeit, die wir nun haben, zum Hbf. Anzeigetafel und Aussage des Personals passen wieder nicht zusammen und es gibt offensichtlich keinen Sonderzug nach Frankfurt. Nächste Möglichkeit dann schon 10 Minuten früher als gedacht. Anna ist glücklicherweise auch etwas früher und Maurice bekommt seine Kopfhörer. Wir laufen dann mit Anna zum Gleis, wo wir dann mit ihr sogar noch eine rauchen können.

Auf einem anderen Gleis fährt ein IC ein, der in Frankfurt Flughafen halten würde. Also schnelles Verabschieden und Gleiswechsel. Im Zug geht Maurice direkt auf die Toilette. Thore versteht in der Zwischenzeit, dass dieser Zug zwar in Frankfurt Flughafen hält, allerdings erst noch einen Umweg über Koblenz und Mainz fährt. Auf dem Nachbargleis fährt derweil ein ICE nach Wien ein, der auf direktem Weg dort halten würde. Hoffentlich kommt Maurice vom Klo, bevor wir losfahren. Klappt. Wir wechseln schnell den Zug und sitzten nun tatsächlich im letzten Zug für heute. Wieder Family Guy und eine kurze Mail an den Veranstalter, dass wir später kommen wegen Sabine. Lieblingsantwort der Künstler vom Veranstalter: “Ich bin selbst gar nicht da heute, aber alles gut. Viel Spaß euch!”

Angekommen in Frankfurt Flughafen müssen wir erstmal drei Stunden laufen, bis wir das Bahnhofsgebäude verlassen und rauchen können.
Dann suchen wir den richtigen Busstieg, der nochmal eine weitere Stunde Fußweg entfernt ist. Wir müssen Tickets kaufen und fahren dann mit einem Bus nach Darmstadt. Neben uns sitzen zwei Frauen, die schlechtes Englisch miteinander sprechen.

In der Innenstadt von Darmstadt finden wir die Goldene Krone schnell und gehen rein. An der Theke ein tougher, etwa dreißigjähriger Barkeeper, der uns die gleiche Instruktion gibt, die er vermutlich an vier von sieben Abenden hier irgendwelchen nationalen und internationalen Kleinkünstlern predigt.

Der eigentliche Grund, warum wir trotz diverser Hürden beim Reisen unbedingt hier ankommen wollten ist, dass wir das Tourgeld zu großen Teilen ausgegeben haben und uns heute eine Festgage versprochen ist. Dafür müssen wir lediglich mindestens 90 Minuten spielen.
Den Aufbau des Equipments müssen wir selbst machen. Wir mussten uns sogar in Osnabrück Mikros und Kabel ausleihen und diese mit nach Darmstadt bringen. Bevor wir mit dem Aufbau beginnen sagen wir dem Barkeeper, dass wir nochmal eben abhauen aber gleich wieder da sind. Wir gehen durch die Stadt und kaufen uns im Supermarkt zwei Dosen Bier, die wir auf einer Bordsteinkante vor einem Gebäude zu Musik vom Handy und zu Zigaretten aus dem Tabakbeutel, trinken.
Anschließend Aufbau, Soundcheck, Konzert. Alles alleine, läuft alles so mittel.
Erstes Lied im Set: Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst von Tocotronic.

Wir unterhalten uns nach dem Konzert mit drei Leuten, die das halbe Konzert mitbekommen haben und es nicht ganz schlecht fanden und drehen ihnen sogar CDs an. Der Barkeeper gibt uns die Gage äußerst ungern, da wir nur ca. 60-70 Minuten anstatt der vereinbarten 90 Minuten gespielt haben. Auf die Anmerkung hin, dass die Leute ja auch sichtlich lieber ungestört labern wollten, betonte er, dass wir uns halt eben als Dienstleister sehen müssen.
Wir lassen uns ein paar Wegbier geben und gehen zum Bahnhof, da wir heute keine Übernachtungsgelegenheit haben. Der Weg zum Bahnhof war das Beste an Darmstadt.
Dort angekommen warten wir auf die S-Bahn nach Frankfurt Hbf und schauen Family Guy.
In Frankfurt gehen wir zu McDonalds und setzen uns anschließend zur Überbrückung der Wartezeit in einen “Hotelzug”, der wegen Sabine eingerichtet wurde und schauen Family Guy.
Unsere Verbindung fährt gegen 3 Uhr, fährt den Umweg, den wir am Nachmittag vermieden hatten und wir sind dann um 7 bzw. 8.30 in Essen bzw. Osnabrück. Im Zug haben wir einen Viererplatz und schauen Family Guy. Thore schläft ein, Maurice schaut alleine irgendwas. Kurz nach Bonn setzt sich uns gegenüber ein dicker Typ, der selbst auch auf dem Handy irgendwas schaut und ständig darüber lacht.

Kurz vor Essen teilen wir die restliche Tourgage und müssen uns dann voneinander verabschieden, was das Doofste an den letzten zehn Tagen ist. Jetzt dauert es zwölf Tage, bis wir uns wiedersehen.

09.02.2020 – Wohnzimmerkonzert Frömern mit Feli | Konzert #2

Soundtrack: Feli – M.O.I.N.

“Frömern, seid ihr mit mir?”
Wir wachen bei Anna im Wohnzimmer auf. Sogar ganz gut ausgeschlafen, so fühlt es sich jedenfalls an. Anna macht auf eine sehr umständliche Art auf ihrem Herd Tasse für Tasse sehr leckeren Kaffee, wir rauchen noch zwei Kippen mit ihr und machen uns dann auf den Weg zum Hauptbahnhof. Bei der SB-Bäckereikette an der Ecke zu Annas Straße kaufen wir uns noch zwei Maxi Kaffee vom Hutgeld von gestern. Wenn man etwas vom Tourgeld kauft, fühlt es sich an wie umsonst.

Sabine ist am Hbf ein großes Thema. Wir scheinen Glück zu haben und dürfen einen der wenigen pünktlich und überhaupt fahrenden Züge nehmen. Lektüre im IC: DB Mobil.

Es gibt ein Interview mit Lena Meyer-Landrut, aus dem wir die Fragen rausschreiben, um sie später irgendwann mal selbst zu beantworten. Die Fahrt verläuft erstaunlich gut. Wir steigen um, nächster Zug auch pünktlich und bereit. Wir steigen in Fröndenberg ein weiteres Mal um, hier haben wir etwa 40 Minuten Zeit bis zum nächsten Zug. Sabine ist sehr spürbar. Die Umstiegszeit verbringen wir damit, eine Hauptstraße gegen den Wind auf der Suche nach einer Tankstelle zwecks Tabakkauf, ein ganzes Stück in die falsche Richtung zu laufen. Dann eben noch kein Tabak. In Frömern wird es ja gleich sicher auch eine Tankstelle geben.

Wegen Sabine fällt das Konzert heute aus. Wir spielen alternativ bei Seba im Wohnzimmer. Das Spirit in Frömern ist ein evangelisches Jugendzentrum, das aber trotzdem von guten Leuten betreut wird und Seba ist einer der Hauptverantwortlichen von ihnen. Am Telefon nimmt er uns die Hoffnung auf Tabakkauf in Frömern. Zigarettenautomaten gäbe es. Gut, dass wir Tourgeld haben!

Zug nach Frömern auch pünktlich. Was für ein langweiliger Sturm. Frömern hat genau einen Bahnsteig, dessen Zugang durch Vorgärten von Wohnhäusern führt. Laut Internet hat Frömern ca. 1600 Einwohner. Mit einer groben Idee vom Weg zu Seba laufen wir nach Gefühl los. Erst begegnen wir niemandem, dann einem Paar, das uns anspricht. “Ihr wollt bestimmt auch zu Seba, oder?”. Vermutlich kommen sie wegen unserer Gitarren auf diese Idee. “Ja, aber wir kennen den Weg” lügen wir, damit wir den Weg wenigstens noch alleine bestreiten können. Nebenbei auf der Suche nach einem Zigarettenautomaten. Wir finden einen auf einem Wohngrundstück. Nach dem üblichen Stress, den man an diesen Automaten zwangsläufig immer hat, sind wir nach gefühlten 20 Minuten dann endlich in Besitz einer Schachtel Gauloises rot und einer Luckies ohne Zusätze. Zum Glück mussten wir sie nicht bezahlen, weil wir das Tourgeld einsetzen konnten.

Als wir bei Seba ankommen, sind die beiden vom Bahnhof, Seba, seine Freundin und Feli da.

Feli ist die Musikerin, die neben uns heute auch spielen wird. Sie ist irgendwasundsiebzig, spielt Akkordeon und Gitarre (nicht gleichzeitig natürlich) und singt dazu Lieder, in denen es um Hamburg und sowas geht. Aber sie ist cool.

Wie meistens, wenn wir uns in einer Situation mit vielen (oder wenigen) anderen Leuten befinden, verziehen wir uns mit uns selbst beschäftigt, kichernd in eine Ecke des Raumes, suchen nicht unbedingt den Kontakt zu den Anwesenden und gehen dann schnell auf den Balkon zum Rauchen. Es scheint ein stressiger Abend zu werden, da man erstens zum Rauchen auf den Balkon muss und draußen Sabine, inzwischen in Gesellschaft von Regen, ist und man zweitens drinnen die Schuhe dann immer wieder ausziehen muss.

Sebas Wohnzimmer füllt sich dann doch beeindruckend schnell. Wäre da nicht auch noch Feli, wären wir sogar mal die Ältesten im Raum. Das Publikum befindet sich im Alter zwischen 15 und 19 Jahren.

Feli und wir wechseln uns mit dem Spielen ab. Wir ein paar Lieder, Feli ein paar Lieder, dann wieder wir, dann wieder Feli, dann nur Maurice, dann nur Thore, dann wieder wir, dann nur Feli, dann irgendwann wir mit Feli. Wir spielen unplugged (also ohne Mikros und Verstärkung der Gitarren) und es gibt sogar einen Stream im Internet dazu. Verrückt. Wir covern viel, die Leute hören sehr gut zu, es macht sehr viel Spaß.

Erstes Lied im Set: Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst von Tocotronic.

Hinterher unterhalten wir uns mit den Leuten. Wesentlich angenehmer als gestern in Köln, obwohl oder weil (?) sie alle jünger als wir sind. Maurice begreift, was die “Kids” hören wollen und spielt und singt irgendwann mit ihnen Songs von Alligatoah und sowas. Thore verbringt derweil Zeit auf dem Balkon mit Bier, Rotwein und Gauloises. Wir kommen zu dem Ergebnis, dass man sich so doch wohl einen Abend mit Konzert vorstellt.
Es ist vermutlich sogar besser so, als hätte es wie geplant im Jugendzentrum stattgefunden.

Bevor das Konzert losging, hatten wir im Erdgeschoss (Sebas Büro) unsere Betten aufgebaut und bezogen. Wir würden dort mit Feli übernachten. Ein großer Raum mit Gäste-WC, Alexa und genug Platz für drei Personen.
Das Konzert fand zwei Etagen weiter oben, in Sebas Wohnzimmer statt. Seit betreten des Wohnzimmers ist uns klar, dass wir hier schlafen würden, auf dem Zweiersofa. Müssen wir ja halt nur nicht unbedingt vorher an- oder absprechen.

Die Gäste verschwinden inzwischen alle nach und nach. Feli geht ins Erdgeschoss und ins Bett. Seba und seine Freundin gehen ins Dachgeschoss und ins Bett. Wir bleiben noch etwas mit Alexa im Wohnzimmer. Irgendwann sitzen wir in Sebas Küche auf dem Boden, essen Knoblauch, trinken Rotwein, reden, lachen, gehen immer wieder auf den Balkon zum Rauchen, trinken weiter, essen weiter und irgendwann nehmen wir zum letzten Glas Rotwein ein paar Schlaftabletten, legen uns auf das Sofa im Wohnzimmer und schlafen schnell ein. Wir wollten natürlich nur nicht zu so später Stunde noch ins Erdgeschoss und Gefahr laufen, Feli beim Schlafen zu stören.

08.02.2020 – Resistance Köln mit Vego und Gregorowicz | Konzert #1

Soundtrack: Fortuna Ehrenfeld – Penn könn

Zu unserem ersten Konzert existiert die Band noch keine zweieinhalb Monate. Wir haben zu diesem Zeitpunkt drei mal gemeinsam geprobt. Dafür gibt es schon eine selbstaufgenommene Demo EP und diverse eigene Songs. Ein Plattenvertrag wurde uns auch schon angeboten. Optimale Grundvoraussetzungen also, nun unsere Band auch vor einem Publikum zu präsentieren.

Wir stehen früh, aber so spät wie möglich auf. Gestern haben wir beim Osnabrücker Bierdiplom die Abschlussprüfungen abgenommen. Das passt gut als Auftakt für unsere erste Tour, so dachten wir. Bierdiplom ist ein “Event”, das in erster Linie von Erstsemester StudentInnen zelebriert wird. Von Kneipe zu Kneipe laufen sie und lassen sich für alkoholische Getränke abstempeln. Für das Diplom vom jeweiligen Thekenpersonal, für die Teilnahme an der ganzen Aktion von Menschen, die halbwegs geschmackssicher unterwegs sind. Mit dem vollgestempelten Diplom gehen die AbsolventInnen in ihre gewählte Abschlusslocation, um eine Prüfung abzulegen und durch die Prüfer (in diesem Fall durch uns) das Diplom unterschrieben zu bekommen. Eine ziemlich trostlose und ekelige Angelegenheit also eigentlich. Unsere Aufgabe war: “Denkt euch irgendeine einfache Aufgabe aus, die die machen sollen und unterschreibt das dann und trinkt Schnaps mit denen.”

Eine Idee für eine Abschlussaufgabe: Buchstabiere das Alphabet.
Die sind ja alle betrunken.

Es kamen im Zeitraum zwischen 20 Uhr und 3 Uhr genau zwei Absolventinnen, die sich von uns haben Stempel und Prüfung andrehen lassen. Aber der Abend war ganz sicher trotzdem total gut.

Heute spielen wir in Köln. Im Resistance haben wir letztes Jahr schon vor unserem ersten Konzert gemeinsam gespielt. Das klingt zwar unlogisch, aber es ist wahr.

Um 11:23 Uhr Fahrt mit dem IC von Osnabrück nach Köln. Fahrt verläuft ohne besondere Vorkommnisse. Wir schauen – wie schon die letzten Tage, die wir uns eigentlich zur Vorbereitung der Konzerte getroffen haben – Family Guy. Ist witzig.

In Köln nervt uns die Innenstadt, in der Innenstadt nerven uns die Leute, an den Leuten nervt uns eigentlich alles. Wir bleiben für eine Zigarette stehen und regen uns auf. Wir wissen, wieso wir euch so hassen, Fußgänger dieser (oder jener oder jeder) Stadt.

Aus Gründen von Hunger gehen wir zum Neumarkt. Teile unserer Band schätzen Neumärkte in Innenstädten sehr. Es gibt asiatisch. Teile unserer Band sind überrascht, asiatisch zu essen und anschließend nicht umgehend eine Toilette suchen zu müssen.

Die Deutsche Bahn bietet zu unpraktischen Zeiten für Reisende Sparpreise an, weshalb wir schon weit vor nötig in Köln sind und noch einige Stunden Zeit haben, bis wir am “Resi” sein müssen.

Besuch bei Rewe. Köln ist leider eine Rewestadt. Es gibt Rewestädte und Edekastädte: Eins von beiden gibt es viel zu viel, das andere viel zu selten. Edeka wäre uns lieber, weil sie dort Booster haben. Wir kaufen Effect und setzen uns an den Rhein. Zwischendurch die Nachricht, dass unser Konzert am kommenden Tag in einem evangelischen Jugendzentrum irgendwo bei Dortmund nicht stattfinden wird, weil ein deutschlandweiter Sturm angekündigt ist. Sabine. Der Veranstalter bietet uns aber an, trotzdem nach Frömern zu fahren und dort in seinem Wohnzimmer zu spielen, was wir skeptisch annehmen, da wir den Tag darauf in Darmstadt spielen würden.

In Köln ist Karneval. Es sieht also nach einer guten ersten Tour aus: Sturmwarnung, Karneval, Wohnzimmerkonzert.

Am Rhein gehen wir unseren selbstauferlegten Verpflichtungen der Social-Media-Präsenz nach und machen Instastory.
Dann nach Ehrenfeld in der S-Bahn.
Wir kaufen ein Ticket, obwohl wir noch eins besitzen, was nur hätte abgestempelt werden müssen. Zu spät. Ok, also irgendwann dann doch nochmal nach Köln.

Als wir am Resistance ankommen, ist natürlich noch niemand da. Wir telefonieren, wir warten, wir rauchen, wir telefonieren, wir pinkeln, wir rauchen. Irgendwann kommt Vego, der diesen Abend organisiert hat und auch Musik spielen wird. Irgendwann kommt die Barkeeperin, die von diesem Abend nichts zu wissen scheint und von der gespielten Musik nicht viel mitbekommen wird.

Da wir noch nie zusammen auf der Bühne saßen, beschließen wir, dass wir erst nach dem Auftritt Alkohol trinken würden und bestellen uns Bier(e). Teile der Band halten sich besser an den Vorsatz als andere.

Gregorowicz spielt auch mit, was uns freut. Übernachten dürfen wir freundlicherweise bei Vego, der uns (und das muss man ihm zugestehen, auch freundlicherweise) direkt darauf hinweist, dass er im Anschluss noch auf eine Party gehen wird, zu der wir aber mitkommen könnten. Nach unserem letzten Auftritt im Resistance nächtigten wir bei Anna, die seitdem eine Freundin des Hauses ist, nur ein paar Häuser weiter wohnt und heute auch kommen will.

Der Soundcheck läuft schlecht oder gar nicht. Es gibt keinen Techniker. Eine Gitarre funktioniert nicht. Neue Batterie funktioniert auch nicht. Vego versucht sich am Mischpult und wir stehen nutz- und ahnungslos rum und versuchen uns an schlechter Laune. Irgendwann funktioniert es einigermaßen.

Als Gregorowicz mit seiner Darbietung beginnt, sind zwar einige Leute in der Kneipe, aber Lust auf ein Konzert und darauf, ihre Aufmerksamkeit auch noch dafür aufzubringen, scheinen wenige zu haben. Wir schreiben eine Setlist und spielen ein ganz gutes erstes Konzert als im taxi rauchen. Der Sound ist schlecht, aber es scheint schon etwas mehr Interesse von Seiten des Publikums zu bestehen als so, wie es zuvor bei Gregorowicz der Fall war. Erstes Lied im Set: Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst von Tocotronic.

Spaß macht es trotz der Umstände, dass der Laden gefüllt von äußerst anstrengenden, aufdringlich besoffenen, lauten, geltungsbedürftigen, DrogenkonsumentInnen ist, dennoch.

Wir verkaufen einige Exemplare unserer selbstgebrannten Demo CD. Der Besitzer des Ladens will uns im besoffenen Kopf 50 Euro für diese sechs mit dem Handy aufgenommenen Stücke geben. Wert sind sie es, ein schlechtes Gewissen habe ich deshalb nicht dabei. Leider hindert ihn seine Begleiterin daran. Er gibt uns anstelle dessen zwei Feuerzeuge.

Zum Glück dürfen wir auch heute bei Anna übernachten und müssen nicht noch auf eine Party. Backstage singen wir mit Gregorowicz auf Toszis Mailbox Lieder von Toszi. Mehr zu Toszi folgt sicherlich an späterer Stelle.

Die Kneipe und die Leute beginnen zunehmend anstrengender zu werden, wir entschließen uns, auf die Suche nach etwas zu Essen zu gehen, auch um endlich wieder – wenigstens kurz – ohne andere Leute zu sein. Subway wird gesucht, McDonalds gefunden. Auch gut. Oder auch schlecht. Wie man will.
Von Köln Ehrenfeld hätten wir in einer Samstagnacht jedenfalls mehr erwartet.
Maurice trinkt ein Wasser und Thore bestellt im Wert von 20 Euro alles, was an veganen Speisen auf der McDonalds Speisekarte vertreten ist. So wird es zumindest überliefert.

Nach dem Essen zurück zum Resi und Anna fragen, wann sie gehen will. Wir trinken 5 oder 50 weitere Getränke bis es soweit ist.

Anna ist intensive Cannabiskonsumentin und Biertrinkerin. Jeder von uns nimmt noch ein Wegbier (in verachtenswerten Kreisen “Webie” genannt) und wir gehen zu Anna. Dort legen wir uns auf die für uns vorgesehene Schlafcouch. Anna beginnt damit, bei Youtube Videos von Songs aufzurufen. Irgendwann wechseln wir uns ab mit Musik aussuchen und irgendwann wieder nur Anna. Teile der Band sind stärker genervt davon und schlaflustiger als andere.

Die konsumierende Anna aber, scheint große Freude daran zu haben, uns ihre musikalischen Highlights zu präsentieren und wir hören und schauen geduldig Fortuna Ehrenfeld live in Bonn. Irgendwann raucht sie nur noch einen oder zwei und macht sich nur noch eine Wärmflasche und will nur noch diese drei Lieder hören. Und irgendwann schlafen wir dann auch ein. Danke, Anna, dass wir bei dir schlafen durften. Echt ernst gemeint!